Tobias Kremkau, Coworking Manager eines der ältesten Coworking Spaces in Berlin, dem St. Oberholz und Gründungsmitglied der German Coworking Federation, stand uns für ein Interview rund um die Themen Neue Arbeit und Coworking zur Verfügung.  Diese tollen Denkanstöße wollen wir euch nicht vorenthalten.

Tobias, du reist durch Europa und informierst und berätst zu den Themen Neue Arbeit und Coworking. In Berlin, wo du lebst, kennt den Begriff Coworking nahezu jedes Kind. Etwas abseits der großen Metropolen, wie in Kassel, ist das Konzept noch weniger geläufig: Wie erläuterst du Themenfremden, was Coworking ist und wie unterscheidet sich dieses Konzept von einem klassischen Gemeinschaftsbüro?

Coworking ist meines Erachtens eine Kultur, wie Arbeit und Räume organisiert werden, und die viel mehr mit Kaffeehäusern als traditionellen Büros zu tun hat. Es geht darum, dass unterschiedliche Menschen zusammenkommen, um gemeinsam an einem Ort zu arbeiten, eine Community zu werden und vielleicht auch miteinander zu arbeiten. Kaffee spielt eine sehr wichtige Rolle, aber auch das durchaus Service orientierte Community Management des Coworking Spaces. In welchem Büro hat man das schon?

Da meistens Menschen Coworking nutzen, um selbstbestimmt ihre eigenen Vorstellungen von Arbeit umzusetzen, sind die meistens Coworking Spaces auch räumlich nicht mit einem Büro zu vergleichen. Sie sind wilder, stets individuell und wesentlich authentischer als bisherige Arbeitswelten. Und sie sind der Raum, in dem Arbeit dezentral und vernetzt organisiert werden kann. Dies macht sie zu den wohl wichtigsten Orten für die Zukunft der Arbeit.

Aufgrund welcher Bedürfnisse werden Coworking Spaces genutzt?

Menschen nutzen aus den unterschiedlichsten Gründen Coworking Spaces. Einige versuchen der Isolation des Home Offices oder den dort vorhandenen Ablenkungen zu entgehen. Ein Coworking Space gibt einem die gleiche Struktur, wie es früher die Fabriken und später die Büros gegeben haben. Sie sind ein Ort der Arbeit, an den ich gehe, um meine Arbeit zu erledigen. Andere wiederum suchen den Austausch mit einer oft spannenderen Community als es die eigenen Kollegen im Unternehmen darstellen können. Die machen ja alle dasselbe, haben oft auch die gleiche Ausbildung absolviert, während ich in einem Coworking Space auf Menschen aus der ganzen Welt mit den unterschiedlichsten Berufen und Biographien treffe.

Ein Coworking Space kann aber auch einfach nur näher an meinem Wohnort als das Büro meines Arbeitgebers sein und mir somit Arbeitsweg und Zeit ersparen. Sie helfen einem, die beruflichen und privaten Vorteile ortsunabhängiger Arbeit auch wirklich nutzen zu können. Vielleicht gefallen sie mir auch nur besser und man selbst fühlt sich hier wohler als im Büro. Oder sie bieten mir einen Service an, den mir niemand anders anbieten kann. Eine derartige Nische könnte beispielsweise flexible Kinderbetreuung sein, die Mitnutzung eines 3D-Druckers oder Kontakt mit Menschen aus einem für mich relevanten Kulturraum.

Was passiert in Coworking Spaces, was in einem Corporate Office oder Home-office eher selten passiert?

Es ist vor allem das Phänomen der Serendipität, also der zufälligen Beobachtung von etwas Unbekanntem, das einem wertvoll sein kann. Dies passiert, wenn sich die Mitglieder einer Community unterhalten und über Probleme austauschen. Jeder von ihnen hat einen anderen Blick auf ein und dasselbe Problem. Dieser persönliche Blick ist geprägt von Alter, Herkunft, Geschlecht, Ausbildung und seinen bisherigen Erfahrungen. Also die offensichtlichste Lösung für eine Person, ist vielleicht eine, auf die jemand anders niemals selber kommen würde.

Tauschen sich diese Menschen aber miteinander aus, da sie beide Mitglied der selber Community sind und sich in diesem Coworking Space wohlfühlen, entstehen diese Serendipitätseffekte, die wiederum Grundlage für kleine und größere Innovationen sind. In einem Home Office kann das kaum passieren und in Büros aufgrund der Homogenität von Belegschaften, findet dies nur selten und meist in abgeschwächter Form statt. Man kann deshalb niemals sagen, was passiert, wenn man Mitglied einer Coworking-Community wird, aber es ist sicher, dass etwas passiert und man neue Wege aufgezeigt bekommt.

Coworking ist ja keinesfalls nur etwas für Selbstständige, die “gern mal raus aus dem Homeoffice unter Leute wollen”, sondern ist mittlerweile ein echter Wirtschaftszweig und wird auch zunehmend von Unternehmen für sich entdeckt, die eigene Coworking Spaces einrichten. Wir sprechen ja aber nicht nur von der Privatwirtschaft, sondern auch von Dienstleistern der öffentlichen Hand, wie Behörden und anderen öffentliche Einrichtungen. Warum ist das Thema Coworking insbesondere auch für diese Bereiche von Interesse?

Coworking ist grundlegend für alle Akteure interessant, die von den Themen Arbeit und Raum betroffen sind. Wie schon eingangs erklärt, ist Coworking eine Kultur, die das Miteinander von verschiedenen Menschen organisiert. Dies trifft sowohl für die Privatwirtschaft als auch öffentliche Einrichtungen zu. Letztere profitieren meines Erachtens durch zwei weitere Punkte über­pro­por­ti­o­nal von Coworking: zum einen hilft es der öffentlichen Verwaltung selbst effizienter und vor allem innovativer zu arbeiten, was zum anderen zu einer wesentlich mehr am Service gegenüber den Bürger*innen ausgerichteten Arbeit führt.

Außerdem ist die Gestaltung des Zugangs zu Möglichkeiten des Coworking selbst ein Service für die Menschen in diesem Land. Vor allem da, wo aus wirtschaftlichen Gründen von selbst gar keine oder nur wenige Coworking Spaces entstehen. Zwei Beispiele für Coworking Spaces von Kommunen sind das Schiller40 in Wolfsburg oder das Schreibtisch in Prüm. Schon jetzt sehen wir aber international mehr solcher Orte. Öffentliche Coworking Spaces sind hierzulande zwar noch selten, aber definitiv kein Trend mehr, sondern eine weitere Entwicklung in unserer Szene.

Wir hatten eingangs kurz angerissen, dass in den Metropolen Coworking weit verbreitet ist, du bist aber insbesondere auch in mittleren und kleinen Städten sehr aktiv. Welche Chancen ergeben sich für dies Orte durch Coworking und welches Potential siehst du insbesondere für Kassel?

Je nach dem Maßstab, den man ansetzt, leben 50 bis 70 Prozent der Deutschen im ländlichen Raum. Die Zahlen für Europa sind ähnlich. Mit ländlichen Raum ist aber nicht nur das klassische Dorf gemeint, sondern auch Klein- und Mittelstädte, die für die sie umgebenden ländlichen Regionen das Zentrum bilden, selbst vielleicht aber in der Peripherie einer Großstadt liegen. Ich glaube nicht, dass wir sehr viele Coworking Spaces auf Dörfern sehen werden. Dies gibt es zwar auch, aber meist in Kombination mit einem Thema wie Tourismus. Coworking Spaces in den Klein- und Mittelzentren sind wichtiger und werden deshalb auch vermehrt entstehen. Sie stellen an dem Ort selbst eine Ergänzung eines weiteren Services dar, den wir aus Großstädten kennen. Wenn ein Coworking Space in Berlin funktioniert, dann eben auch in Kassel. Nur mit dem Unterschied, dass in Kassel vielleicht ein halbes Dutzend Coworking Spaces die Nachfrage stillen würden, während es in Berlin eher ein paar hundert Coworking Spaces werden.

Für die Menschen bedeutet das, dass sie zum einen vielleicht nicht mehr aus ihrem Dorf über das Mittelzentrum in die Großstadt pendeln müssen, sondern der Weg in die nächste Stadt ausreicht und sie nur ein- oder zweimal pro Woche in die Metropole müssen, um vielleicht einen Kundenworkshop zu besuchen oder ihr Team zu treffen. Für die Kommunen bedeutet das, dass Infrastruktur wie Straßen und Brücken geschont werden, der öffentliche Nahverkehr durch Pendler*innen mehr nachgefragt und somit wirtschaftlicher wird und Steuerzahler*innen sich da ansiedeln, wo es ihnen am besten gefällt und nicht, wo die Unternehmen sind. Wir alle würden von weniger Verkehr profitieren, denn die Anzahl der durch Verkehr verursachten Emission wäre genauso rückläufig, wie die Anzahl von Unfällen und Verkehrstoten, sowie Stress bedingte Arbeitsausfälle in unserer Wirtschaft.

Coworking ist kein eindeutig festgeschriebenes Konzept, sondern entwickelt sich ständig weiter. Was sind spannende neuen Entwicklungen und Trends des Coworking?

Global betrachtet, werden wir mehr große Coworking-Ketten sehen. Die sind nicht mehr vergleichbar mit den heutigen Coworking Spaces, weshalb die Begrifflichkeit Coworking auch verschwinden könnte. Vielleicht nennen wir es in zehn Jahren einfach nur noch Arbeit. Die dezentrale und vernetzte Organisation von Arbeit wird so oder so der Standard sein. Abseits der kosmopolitischen Metropolen, in noch lokaler anmutenden Bezirken dieser Städte, in den Ort ihrer Peripherie und abseits von ihnen im ländlichen Raum, werden wir mehr Coworking Spaces vorfinden, die Nischen besetzt haben.

Das können wie schon erwähnt Dienstleistungen wie Kinderbetreuung oder Zugang zu speziellen Technologien sein, aber auch neue Orte der Arbeit, die bestimmte Bedürfnisse befriedigen, wie beispielsweise zu einer bestimmten Community dazugehören zu wollen. Solche Communities können sich an Themen ausrichten, beispielsweise Coworking Spaces für Steuerberater*innen oder für arbeitende Menschen mit körperlichen Behinderungen, aber auch an Regionen, also zum Beispiel Coworking Spaces für Menschen, die in der Altmark, dem Bergischen Land oder der Oberpfalz leben und gerne hier bleiben wollen. Was die Fabrik in die Industrialisierung war und das Büro in unserer Dienstleistungsgesellschaft ist, werden Coworking Spaces in der digitalisierten Arbeitswelt von morgen sein: Orte der Arbeit.

Tobias, herzlichen Dank für das Interview.

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